{"id":8623,"date":"2023-04-26T08:41:25","date_gmt":"2023-04-26T07:41:25","guid":{"rendered":"https:\/\/146.190.235.232\/zhittya-i-tvorchist-socialista-gumanista-leo-koflera-1907-1995\/"},"modified":"2026-02-07T11:27:07","modified_gmt":"2026-02-07T09:27:07","slug":"zhittya-i-tvorchist-socialista-gumanista-leo-koflera-1907-1995","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/commons.com.ua\/en\/zhittya-i-tvorchist-socialista-gumanista-leo-koflera-1907-1995\/","title":{"rendered":"Von Ostgalizien uber das \u201arote Wien\u2018 in die Bundesrepublik. Leben und Werk des sozialistischen Humanisten Leo Kofler"},"content":{"rendered":"<p>In seinem Standardwerk &uuml;ber die Geschichte des Marxismus widmete Predrag Vranicki ihm Anfang der 1970er Jahre ein eigenes kleines Kapitel und rubrizierte ihn dabei unter den westdeutschen Nachkriegsmarxismus. Doch auch wenn er seine intellektuelle Wirkung in der Tat vor allem in Westdeutschland entfalten sollte, ein Deutscher war Leo Kofler (1907-1995) nicht. Geboren wurde er am 26. April 1907 als &auml;ltestes von zwei Kindern im ostgalizischen Chocimierz, einem winzigen Flecken im &auml;u&szlig;ersten Nordosten der ehemaligen &ouml;sterreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie &ndash; in der heutigen Westukraine.&nbsp;<\/p>\n<p>Galt Krakau mit seinen damals etwa 150.000 Einwohner als die Hauptstadt Westgaliziens, war Lemberg mit seinen mehr als 200.000 Menschen die Hauptstadt Ostgaliziens. Doch trotz gro&szlig;er und bedeutender St&auml;dte war das damalige Galizien noch weitgehend eine &ouml;konomisch r&uuml;ckst&auml;ndige und relativ &uuml;berv&ouml;lkerte Agrargesellschaft. &bdquo;Die Erde ist reich&ldquo;, beschrieb der Schriftsteller Joseph Roth seine ostgalizische Heimat, &bdquo;die Bewohner sind arm. Sie sind Bauern, H&auml;ndler, kleine Handwerker, Beamte, Soldaten, Offiziere, Kaufleute, Bankmenschen, Gutsbesitzer. Zu viele H&auml;ndler, zu viel Beamte, zu viel Soldaten, zu viele Offiziere gibt es. Alle leben eigentlich von der einzigen produktiven Klasse: den Bauern.&ldquo; Nichts desto trotz erlebte das damalige Galizien im &Uuml;bergang zum 20. Jahrhundert, im Zeitalter des klassischen Imperialismus, eine ebenso st&uuml;rmische wie widerspr&uuml;chliche Entwicklung, denn als Grenzland der Regionen sollte es zum Aufmarschgebiet der sich befehdenden und bekriegenden Gro&szlig;m&auml;chte werden.<\/p>\n<p>Das in der heutigen Westukraine gelegene Ostgalizien geh&ouml;rte damals nicht nur zu den &auml;rmsten Grenzregionen Europas, es war auch die Heimstatt jenes im Laufe des 20. Jahrhunderts von Krieg und Faschismus zerst&ouml;rten osteurop&auml;ischen Judentums, zu dem auch die wahrscheinlich im Bezirk Horodenka beheimatete Familie Kofler geh&ouml;rte. Sowohl die ukrainischst&auml;mmige Mutter Minna Wei&szlig;mann als auch der aus Wien eingewanderte Vater Markus Kofler entstammten, soviel wir wissen, j&uuml;dischen Grundp&auml;chterfamilien, was den Kindern eine zwar bescheidene, aber doch relativ sorgenlose Kindheit in zwar traditionaler, aber liberaler Familienumgebung erm&ouml;glichte. J&uuml;dische Orthodoxie wurde im v&auml;terlichen Zweig der Familie, anders als im m&uuml;tterlichen, zwar noch gro&szlig;geschrieben, doch bereits Vater Markus hatte sich von der Religion wegbewegt und war ein Anh&auml;nger des deutschen Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"\u043a\u043e\u0444\u043b\u0435\u0440\" src=\"\/file\/uploads\/2023\/04\/26\/tmljur.jpg\" style=\"width: 100%;\" \/><\/p>\n<p><small>Leo Kofler (stehend rechts), Ostgalizien Ende der 1920er Jahre.&nbsp;Copyright: Leo Kofler-Gesellschaft e.V.<\/small><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war der Erste Weltkrieg, der den noch jungen Leo Kofler zu einem Grenzg&auml;nger werden lie&szlig;, denn als knapp zehnj&auml;hriges Kind dieses osteurop&auml;ischen Judentums musste er mit seiner Familie, aus Angst vor dem Antisemitismus der russisch-zaristischen Armee, die ostgalizische Heimat verlassen und nach Wien &uuml;bersiedeln. Aus dem noch immer recht verschlafenen Grenzland wechselten sie damit in die dynamische Metropole der Habsburger Doppelmonarchie, eine der Hauptst&auml;dte der europ&auml;ischen Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts, und aus dem kulturell und sozial von Armut und R&uuml;ckst&auml;ndigkeit gepr&auml;gten Milieu des osteurop&auml;ischen Judentums in das auf Assimilation setzende Milieu des mitteleurop&auml;ischen Judentums.&nbsp;<\/p>\n<p>Hier im revolution&auml;ren Nachkriegs-Wien erlebte der junge Kofler den Zusammenbruch der &Ouml;sterreich-ungarischen Doppelmonarchie und wurde selbst zum jugendbewegten, radikalen Sozialdemokraten. Im &bdquo;Roten Wien&ldquo; der Zwischenkriegszeit mischte sich in ihm das kulturelle Erbe des aufgekl&auml;rten Judentums mit der modernen, radikalen Arbeiterbewegung und Kofler wurde ein Vertreter dessen, was der Historiker Isaac Deutscher sp&auml;ter die &bdquo;nicht-j&uuml;dischen Juden&ldquo; nennen sollte. Er bezeichnete damit jene Menschen j&uuml;discher Herkunft, die &uuml;ber die j&uuml;dische Aufkl&auml;rungstradition aus ihrer Religion herauswuchsen, weil sie diese als r&uuml;ckschrittlich und beengend erlebten und sich nun entweder in die aufstrebende b&uuml;rgerliche Gesellschaft oder in deren radikale proletarische Gegengesellschaft integrierten. Als Aufkl&auml;rer, strenge Rationalisten und radikale Humanisten war ihnen &bdquo;etwas von der Quintessenz des j&uuml;dischen Lebens und des j&uuml;dischen Intellekts eigen. Sie waren a priori au&szlig;ergew&ouml;hnlich insofern, als sie als Juden an der Grenze zwischen unterschiedlichen Zivilisationen, Religionen und nationalen Kulturen gelebt haben und an der Grenze zwischen unterschiedlichen Epochen geboren und aufgewachsen sind. Ihr Denken reifte dort heran, wo die verschiedenartigsten kulturellen Einfl&uuml;sse sich kreuzten und wechselseitig befruchteten. Sie lebten an den Randzonen oder in den Ritzen und Falten ihrer jeweiligen Nation. Jeder von ihnen geh&ouml;rte zur Gesellschaft und doch wieder nicht, war ein Teil von ihr und wiederum nicht. Dieser Zustand hat sie bef&auml;higt, sich in ihrem Denken &uuml;ber ihre Gesellschaft, &uuml;ber ihre Nation, &uuml;ber ihre Zeit und Generation zu erheben, neue Horizonte geistig zu erschlie&szlig;en und weit in die Zukunft vorzusto&szlig;en.&ldquo; (Deutscher)<\/p>\n<p>Im &bdquo;Roten Wien&ldquo; der Zwischenkriegszeit sollte sich auch der jugendliche Kofler politisieren und als linkssozialdemokratischer Bildungsreferent und Volksp&auml;dagoge f&uuml;r die Botschaft einer universellen menschlichen Emanzipation engagieren. Er wurde zum flammenden Sch&uuml;ler des linkssozialistischen Austromarxisten Max Adler, engagierte sich gegen den auch in &Ouml;sterreich aufkommenden Faschismus und musste 1933\/34 das bittere Scheitern dieser Hoffnungen miterleben. Anfang 1938, nach dem Anschluss &Ouml;sterreichs an das faschistische Deutsche Reich, konnte der gerademal 30-j&auml;hrige Jude und Marxist in die neutrale Schweiz, nach Basel, fliehen &ndash; w&auml;hrend der Gro&szlig;teil seiner Familie in Wien verblieb und sp&auml;ter, im Holocaust, umgebracht werden sollte. Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges &uuml;berlebte Kofler deswegen in Schweizer Fl&uuml;chtlings- und Arbeitslagern. Und w&auml;hrend er als geduldeter Fl&uuml;chtling unter der Woche im Stra&szlig;enbau und beim Torfstechen arbeiten musste, widmete er sich abends der intellektuellen Arbeit an einem wissenschaftstheoretischen Buch, mit dem er seine politisch-theoretischen Erfahrungen auf der politischen Linken zu verarbeiten versuchte: Der Autodidakt wurde zum Gesellschaftstheoretiker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"\u043a\u043e\u0444\u043b\u0435\u0440\" src=\"\/file\/uploads\/2023\/04\/26\/nguhbl.jpg\" style=\"width: 100%;\" \/><\/p>\n<p><small>Kofler vor der Ruhr-Universit&auml;t Bochum in den 1970er Jahren.&nbsp;Copyright: Leo Kofler-Gesellschaft e.V.<\/small><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die sozialistisch-marxistische Theorie und Praxis sind erneuerungsbed&uuml;rftig, so Kofler in seinem ersten Buch Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriss einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie (Bern 1944). Es gelte, den bis dahin sowohl in der sozialdemokratischen wie in der kommunistischen Tradition &uuml;berm&auml;chtigen Mechanismus und Determinismus, d.h. die in der marxistischen Tradition so wirkm&auml;chtige mechanische Trennung von &bdquo;&Uuml;berbau&ldquo; und &bdquo;Basis&ldquo;, zu &uuml;berwinden. &bdquo;Die mechanistische Deutung des historischen Materialismus &uuml;bersieht&ldquo;, schrieb er, &bdquo;dass trotz der Bestimmtheit der Ideologie durch die &Ouml;konomie der historische Gesamtprozess seine Bewegung nicht anders vollziehen kann als mittels der Ideologie, die eben ein wesentliches, zu seiner Gesetzlichkeit selbst geh&ouml;rendes Moment dieses Prozesses darstellt (wobei es keinen Widerspruch bedeutet gleichzeitig zuzugeben, dass zahlreiche Elemente der Ideologie zuf&auml;lliger, d.h. in ihrer speziellen Erscheinungsform nicht notwendiger Natur sein k&ouml;nnen).&ldquo; Es gelte also, das t&auml;tige Element, den sogenannten subjektiven Faktor f&uuml;r eine zeitgem&auml;&szlig; erneuerte Theorie und Praxis der Emanzipation zur&uuml;ckzuerobern. Und wie andere &bdquo;westliche Marxisten&ldquo; seiner Zeit (aber ohne deren Kenntnis) setzte auch Koflers Erneuerung der marxistischen Theorie und Praxis vor allem auf die philosophische Tradition eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel und seiner Subjekt-Objekt-Dialektik &ndash; und auf den jungen Karl Marx und dessen radikalen Humanismus. Koflers dialektischem Materialismus geht es entsprechend um die Freiheit zu einer allseitigen, sowohl individuellen wie kollektiven Entfaltung der menschlichen Gattungspers&ouml;nlichkeit, um die Ziel-Idee eines &bdquo;sch&ouml;nen Menschen&ldquo;, die sich durch sein gesamtes weiteres Werk ziehen wird.<\/p>\n<p>In seinem zweiten Werk, einer monumentalen Geschichte der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft von ihren mittelalterlichen Anf&auml;ngen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wandte er seine soziologische Methode auf die Geschichtswissenschaft an. In enger Verschr&auml;nkung von Ideologie und &Ouml;konomie schreibt er hier keine blo&szlig;e Politik-, Staats- oder Sozialgeschichte, auch keine reine Wirtschafts- oder Handelsgeschichte. Auch wenn alle diese Aspekte aufgehoben sind in seinem umfangreichen Werk, so werden sie doch zusammengehalten und aufgehoben durch eine faszinierende Ideengeschichte, die wesentlich ideologiekritisch ist. Es ist die Geschichte des kritischen, ebenso aufkl&auml;rerischen wie b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Geistes, die wir in seinem Buch an der historischen Arbeit sehen k&ouml;nnen. Und es geht hier vor allem darum, die immanente Widerspr&uuml;chlichkeit des b&uuml;rgerlichen Humanismus, seine Gr&ouml;&szlig;e und Grenzen aufzuzeigen, denn die strukturellen Schranken dieses b&uuml;rgerlichen Denkens finden sich f&uuml;r Kofler im elit&auml;ren Besitzindividualismus, wie er an diversen Philosophen und Denkern der fr&uuml;hb&uuml;rgerlichen Zeit aufzeigt. B&uuml;rgerliches Denken sei im 20. Jahrhundert zu einem leeren Konkurrenz-Individualismus mit einem pessimistisch-dekadenten Menschenbild verkommen, das den Menschen als ein von Natur aus sein eigenes, individuelles Interesse verfolgendes und &bdquo;rastlos zwischen den ihm fremd bleibenden &uuml;brigen Individuen herumschweifendes und st&auml;ndig auf Beute lauerndes, einsames Raubtier&ldquo; betrachte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"\u041b\u0435\u043e \u043a\u043e\u0444\u043b\u0435\u0440\" src=\"\/file\/uploads\/2023\/04\/26\/gykhzd.jpg\" style=\"width: 100%;\" \/><\/p>\n<p><small>Leo Kofler arbeitet Ende der 1960er Jahre an seinem Schreibtisch<\/small><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Werde die sozialistische Arbeiterbewegung vor solchem Hintergrund gleichsam zum Erben des radikaldemokratischen, humanistischen Anspruchs, so k&ouml;nne man jedoch &ndash; wie der 1947 aus dem Schweizer Exil in die ostdeutsche DDR gegangene und von dort Ende 1950 nach Westdeutschland gefl&uuml;chtete Kofler Mitte der 1950er Jahre feststellte &ndash; ebenso wenig die Augen davor verschlie&szlig;en, dass diese Arbeiterbewegung schon damals einen Gutteil ihrer Kraft und Herrlichkeit verloren hatte. In ihren sozialdemokratischen und kommunistischen Hauptstr&ouml;mungen habe sich die politische Arbeiterbewegung in der Mitte des 20. Jahrhunderts strukturell verb&uuml;rokratisiert und entradikalisiert, wie er in mehreren Schriften zur Kritik der stalinistischen Theorie und Praxis, aber auch zum &bdquo;ethischen Sozialismus&ldquo; der neuen Sozialdemokratie, zu verdeutlichen versuchte. H&auml;tten sich die sozialistischen Freiheitsideen im real existierenden Sozialismus auf einen anti-humanistischen &ouml;konomischen Produktivkraftfetischismus im Dienste einer neuartigen b&uuml;rokratischen Herrschaftsform reduzieren lassen &ndash; strukturell undialektisch und unf&auml;hig, sich emanzipativ zu erneuern &ndash;, so sei der sozialdemokratische Sozialismus zu einer g&auml;nzlich unverbindlichen Ethik verkommen, die sich in ihrer politischen und sozialen Praxis mit der Logik des kapitalistischen Gesellschaftssystems grundlegend abfinde und alle sozialistische Theorie und Praxis aus ihren eigenen Reihen verdr&auml;nge: &bdquo;An die Stelle der humanistischen Bewusstseinsbildung trat der Praktizismus, an die Stelle der Theorie die B&uuml;rokratie.&ldquo;<\/p>\n<p>Kofler wird so zu einem fr&uuml;hen Propagandisten und Vordenker dessen, was in den 1960er Jahren die &bdquo;Neue Linke&ldquo; genannt werden sollte. Und seine theoriegeschichtliche Originalit&auml;t besteht dabei vor allem darin, dass und wie er den &bdquo;westlichen Marxismus&ldquo; mit einem radikalen sozialistischen Humanismus verkn&uuml;pfte. Schon 1953 betonte er &bdquo;die entscheidende Bedeutung der humanistischen und ethischen Ideen&ldquo; f&uuml;r ein ebenso aufgekl&auml;rtes wie emanzipatives, &bdquo;sozialistisch-humanistisches&ldquo; Marxismusverst&auml;ndnis &ndash; nicht im Sinne einer blo&szlig;en ethischen Erg&auml;nzung eines an sich &bdquo;un&ldquo;menschlichen Gedankensystems, sondern in dem Sinne einer Erkenntnis, dass auch ein marxistischer Sozialismus einen ethischen Gehalt aufweist, weil Forderungen nach Freiheit und Fortschritt, nach einer humanistischen Demokratie, verwirklichter Individualit&auml;t und klassenloser Gesellschaft nicht ausreichend zu begr&uuml;nden sind ohne Menschen, die sie kraft ihres humanistischen Selbstverst&auml;ndnisses verwirklichen k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Mit einem solchen Blickwinkel analysierte Kofler in seinen zahlreichen gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen B&uuml;chern, Brosch&uuml;ren und Aufs&auml;tzen der 1950er und 1960er Jahre auch die Widerspr&uuml;che und Fallstricke des sozialstaatlichen Nachkriegskapitalismus. Er untersuchte hier das ver&auml;nderte Verh&auml;ltnis von Konsens und Zwang, das diese neokapitalistischen Konsumgesellschaften pr&auml;gt, und betonte, dass wir es bei ihnen auch weiterhin mit antagonistischen, von Ausbeutung, Entfremdung und Widerstand gepr&auml;gten Klassengesellschaften zu tun haben. Auch wenn sich deren Herrschaftsmechanismen nachhaltig ver&auml;ndert und gleichsam entkrampft h&auml;tten, auch wenn sich in ihnen neue Freiheiten politischer, &ouml;konomischer und kultureller Natur Bahn gebrochen h&auml;tten, so sei man in diesen sp&auml;tb&uuml;rgerlichen Gesellschaften dem fr&uuml;hb&uuml;rgerlichen Traum eines wirklich befreiten Gattungswesen Mensch nicht nur nicht n&auml;hergekommen. Vielmehr werde jeder Versuch, &uuml;ber diese &bdquo;sp&auml;tkapitalistischen&ldquo; Verh&auml;ltnisse in aufkl&auml;rerischer Tradition hinauszugehen, tabuisiert und kriminalisiert. &bdquo;Die Welt ist f&uuml;r das B&uuml;rgertum nur noch &sbquo;n&uuml;tzlich&rsquo;, profitertr&auml;glich, sonst ist sie leer und sinnlos geworden&ldquo;, schreibt Kofler bereits 1960: &bdquo;Die &uuml;brig gebliebene &sbquo;Freiheit&rsquo; ist nicht mehr die Freiheit Ideale zu verwirklichen und den Menschen zu erh&ouml;hen &ndash; wer dies noch will, wird verd&auml;chtig! &ndash;, sondern die Freiheit der Konkurrenz, des Urwalds. Im Grunde ist alles erreicht, es hat Geschichte gegeben, aber es gibt in Zukunft keine mehr.&ldquo;<\/p>\n<p>Doch obwohl er sich selbst als Teil der in den 1960ern aufkommenden &bdquo;Neuen Linken&ldquo; sah, so wurde er von vielen seiner neu-linken Zeitgenossen kaum als solcher wahrgenommen. Seine an Georg Luk&aacute;cs geschulte &Auml;sthetik verfiel dem Dogmatismus-Verdacht und der Psychoanalyse stand er kritisch-ablehnend gegen&uuml;ber &ndash; obwohl oder gerade weil er selbst sozialpsychologisch dachte und arbeitete. Auch mit der anderen intellektuellen Modestr&ouml;mung jener Zeit, dem auf einen theoretischen Anti-Humanismus setzenden franz&ouml;sischen Strukturalismus, stand er auf Kriegsfu&szlig;. Die &bdquo;kulturelle Wende&ldquo; machte der auf die Dialektik von Natur und Kultur setzende und an den theoretischen Grundlagen einer marxistischen Anthropologie (die er als die &bdquo;Wissenschaft von den unver&auml;nderlichen Voraussetzungen menschlicher Ver&auml;nderung&ldquo; fasste) arbeitende Kofler nicht mit. Mehr noch wagte er es, die damals gerade hegemonial werdende Frankfurter Kritische Theorie scharf zu kritisieren, weil diese keine wirklichen Ausbruchsm&ouml;glichkeiten aus der Vorherrschaft von Verdinglichung und Entfremdung mehr zu erkennen vermochte und sich deren Theoriearbeit auf diesem Wege &bdquo;zu einer Art nihilistischer Perspektive&ldquo; verdichte, &bdquo;die nicht ohne Wirkung auf das Handeln bleibt&ldquo;. Auch im Verdinglichten bleibt f&uuml;r Kofler kritisches Bewusstsein enthalten und damit auch die M&ouml;glichkeit humanistischer Aufkl&auml;rung und Aktion.&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"\u043b\u0435\u043e \u043a\u043e\u0444\u043b\u0435\u0440\" src=\"\/file\/uploads\/2023\/04\/26\/qxbkbd.jpg\" style=\"width: 100%;\" \/><\/p>\n<p><small>Leo Kofler<\/small><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So entging vielen &bdquo;68ern&ldquo; die Radikalit&auml;t eines als Traditionalisten verrufenen Autors, der seinen sozialistischen Humanismus in der 1968 erschienen Programmschrift &uuml;ber die Perspektiven des revolution&auml;ren Humanismus mit den Worten Gustav Landauers begr&uuml;ndete: &bdquo;Der Sinn der demokratisch-sozialistischen Revolution kann nur der sein, das Proletariat ein f&uuml;r alle Mal abzuschaffen. Es soll keine Proletarier, keine Entbehrenden mehr geben. Es soll Menschen geben, mit freier Beweglichkeit des Geistes und des Herzenslebens.&ldquo; Sein in diesem Buch niedergelegter, &uuml;beraus origineller Versuch einer Vermittlung zwischen den theoriegeschichtlichen Antipoden Herbert Marcuse und Georg Luk&aacute;cs, seine Vermittlung zwischen marxistischem Traditionalismus und antiautorit&auml;rer Revolte also, blieb weitgehend unbeachtet, und sein ehrgeiziger Versuch einer zu den Frankfurtern alternativen Sozialphilosophie hatte keine Chance bei der jungen Intellektuellengeneration. Adorno wurde und blieb der Hegemon der Diskurse, Kofler dagegen zur Randst&auml;ndigkeit verurteilt.<\/p>\n<p>Und doch konnte auch Kofler am Aufschwung der Emanzipationsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre partizipieren. Junge Studierende erwirkten 1971\/72, dass er als Professor f&uuml;r Soziologie an die noch junge Ruhr-Universit&auml;t in Bochum gerufen wurde, wo er bis 1991 regelm&auml;&szlig;ige Vorlesungen hielt und eine neue Generation von jungen Intellektuellen zu beeinflussen vermochte, bevor er 1995, nach langer schwerer Krankheit in seiner Wahlheimat K&ouml;ln verstarb.<\/p>\n<p>Wirkliche Heimat war ihm allerdings, wie er es einmal formulierte, das, was ihm geistig und menschlich weitergeholfen hat &ndash; und dabei sollte er bis an sein Lebensende weniger an Deutschland oder an seine Kindheit in Ostgalizien denken, sondern vor allem an das Wien der Zwischenkriegszeit, an das &bdquo;rote Wien&ldquo; seiner Jugend. &bdquo;Was mich betrifft&ldquo;, so Kofler 1991, &bdquo;so habe ich das Gl&uuml;ck, kein Deutscher, sondern ein &Ouml;sterreicher zu sein&ldquo;. Er warnte damals, als sich West- und Ostdeutschland gerade wiedervereinigten, explizit vor einem &bdquo;gefr&auml;&szlig;igen Sichaufbl&auml;hen der BRD auf Kosten anderer L&auml;nder&ldquo;. Noch Jahre zuvor hatte er den Deutschen &ndash; wie anderen Nationen auch &ndash; in der alten Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung ein Recht auf nationale Selbstbestimmung und Wiedervereinigung zugestanden, aber betont, dass solch ein Recht auf nationale Selbstbestimmung an eine soziale und humanistische Ziel-Idee gebunden sei. Nationales Denken verpflichte keineswegs zu chauvinistischem Nationalismus und antilinker &Uuml;berheblichkeit, sondern zu sozialen und gesellschaftlichen Reformen, zu einer erst noch zu erringenden humanistischen Kultur.&nbsp;<\/p>\n<p>Da war es wieder, das Verbindende und Konstante seines Lebens und Werkes: seine ebenso praktische wie theoretische Hingabe an das Projekt einer universellen menschlichen Emanzipation. Zeitlebens hielt er fest an der konkreten Utopie einer umfassenden Entfaltung des menschlichen Wesens als eines zur Emanzipation gleicherma&szlig;en bef&auml;higten wie verdammten, t&auml;tig-leidenden Gattungswesens. Und nie wurde er m&uuml;de, den &bdquo;ganzen Menschen&ldquo; und die Idee eines &bdquo;spielenden&ldquo;, eines &bdquo;sch&ouml;nen&ldquo;, eines im weitesten Sinne des Wortes &bdquo;erotischen&ldquo; Menschen zu propagieren. Das brachte ihn immer wieder in Gegensatz zur b&uuml;rgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, deren strukturelle Ideallosigkeit er treffend zu analysieren wusste (so geh&ouml;rte er noch in den 1980ern zu den Ersten, die den Sozialdarwinismus des aufkommenden Neoliberalismus in scharfen Worten kritisierte). Das Festhalten an einem sozialistischen Humanismus sollte ihn aber auch immer wieder in Gegensatz zu vielen linken Str&ouml;mungen bringen, die nicht selten aus der Not eine Tugend machen und auf ihrem Wege Besch&auml;digungen vielfacher Art billigend in Kauf nehmen.&nbsp;<\/p>\n<p>Und Ostgalizien? Die in der heutigen Westukraine gelegene Heimat seiner Kindheit hat Kofler, der dort auch in den 1920er und 1930ern noch zu ausgiebigen Familienbesuchen weilte, nach Faschismus und Krieg nicht mehr besucht. Doch vergessen haben die nach seinem Tod in einer Leo Kofler-Gesellschaft sich zusammenfindenden Freund*innen und Sch&uuml;ler*innen Koflers Urspr&uuml;nge nicht. Ende Februar 2022 ver&ouml;ffentlichten sie auf Facebook eine Erkl&auml;rung zum russischen Krieg gegen die Ukraine: &bdquo;Seit einer Woche wird die Ukraine mit Krieg aus dem Osten &uuml;berzogen. Im Westen der Ukraine liegt heute auch jenes (einstmals ostgalizische) Gebiet, in dem Leo Kofler 1907 geboren wurde, aus dem er 1915\/16, kriegsbedingt, fliehen musste. Und wieder geht es dabei nicht um eine vermeintlich ewige menschliche Neigung zur Aggression, sondern um die Instrumentalisierung derselben f&uuml;r gesellschaftliche, f&uuml;r gesellschaftspolitische Zwecke. Schande &uuml;ber die Aggressoren &ndash; m&ouml;ge die Macht mit den Opfern sein!&ldquo;<\/p>\n<p><\/p>\n<p><strong>Autor: <\/strong>Christoph J&uuml;nke<\/p>\n<p><strong>&Uuml;bersetzung:<\/strong> Olena Slobodyan<\/p>\n<p><strong>Redigieren:<\/strong> Stanislav Sergienko<\/p>\n<p><strong>Titelbild:<\/strong> Kateryna Gritseva<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinem Standardwerk &uuml;ber die Geschichte des Marxismus widmete Predrag Vranicki ihm Anfang der 1970er Jahre ein eigenes kleines Kapitel und rubrizierte ihn dabei unter den westdeutschen Nachkriegsmarxismus. 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