Von Ostgalizien über das ‚rote Wien‘ in die Bundesrepublik. Leben und Werk des sozialistischen Humanisten Leo Kofler

26.04.2023
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Christoph Jünke
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In seinem Standardwerk über die Geschichte des Marxismus widmete Predrag Vranicki ihm Anfang der 1970er Jahre ein eigenes kleines Kapitel und rubrizierte ihn dabei unter den westdeutschen Nachkriegsmarxismus. Doch auch wenn er seine intellektuelle Wirkung in der Tat vor allem in Westdeutschland entfalten sollte, ein Deutscher war Leo Kofler (1907-1995) nicht. Geboren wurde er am 26. April 1907 als ältestes von zwei Kindern im ostgalizischen Chocimierz, einem winzigen Flecken im äußersten Nordosten der ehemaligen österreichisch-ungarischen Habsburgermonarchie – in der heutigen Westukraine. 

Galt Krakau mit seinen damals etwa 150.000 Einwohner als die Hauptstadt Westgaliziens, war Lemberg mit seinen mehr als 200.000 Menschen die Hauptstadt Ostgaliziens. Doch trotz großer und bedeutender Städte war das damalige Galizien noch weitgehend eine ökonomisch rückständige und relativ übervölkerte Agrargesellschaft. „Die Erde ist reich“, beschrieb der Schriftsteller Joseph Roth seine ostgalizische Heimat, „die Bewohner sind arm. Sie sind Bauern, Händler, kleine Handwerker, Beamte, Soldaten, Offiziere, Kaufleute, Bankmenschen, Gutsbesitzer. Zu viele Händler, zu viel Beamte, zu viel Soldaten, zu viele Offiziere gibt es. Alle leben eigentlich von der einzigen produktiven Klasse: den Bauern.“ Nichts desto trotz erlebte das damalige Galizien im Übergang zum 20. Jahrhundert, im Zeitalter des klassischen Imperialismus, eine ebenso stürmische wie widersprüchliche Entwicklung, denn als Grenzland der Regionen sollte es zum Aufmarschgebiet der sich befehdenden und bekriegenden Großmächte werden.

Das in der heutigen Westukraine gelegene Ostgalizien gehörte damals nicht nur zu den ärmsten Grenzregionen Europas, es war auch die Heimstatt jenes im Laufe des 20. Jahrhunderts von Krieg und Faschismus zerstörten osteuropäischen Judentums, zu dem auch die wahrscheinlich im Bezirk Horodenka beheimatete Familie Kofler gehörte. Sowohl die ukrainischstämmige Mutter Minna Weißmann als auch der aus Wien eingewanderte Vater Markus Kofler entstammten, soviel wir wissen, jüdischen Grundpächterfamilien, was den Kindern eine zwar bescheidene, aber doch relativ sorgenlose Kindheit in zwar traditionaler, aber liberaler Familienumgebung ermöglichte. Jüdische Orthodoxie wurde im väterlichen Zweig der Familie, anders als im mütterlichen, zwar noch großgeschrieben, doch bereits Vater Markus hatte sich von der Religion wegbewegt und war ein Anhänger des deutschen Sozialdemokraten Ferdinand Lassalle.

 

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Leo Kofler (stehend rechts), Ostgalizien Ende der 1920er Jahre. Copyright: Leo Kofler-Gesellschaft e.V.

 

Es war der Erste Weltkrieg, der den noch jungen Leo Kofler zu einem Grenzgänger werden ließ, denn als knapp zehnjähriges Kind dieses osteuropäischen Judentums musste er mit seiner Familie, aus Angst vor dem Antisemitismus der russisch-zaristischen Armee, die ostgalizische Heimat verlassen und nach Wien übersiedeln. Aus dem noch immer recht verschlafenen Grenzland wechselten sie damit in die dynamische Metropole der Habsburger Doppelmonarchie, eine der Hauptstädte der europäischen Moderne des beginnenden 20. Jahrhunderts, und aus dem kulturell und sozial von Armut und Rückständigkeit geprägten Milieu des osteuropäischen Judentums in das auf Assimilation setzende Milieu des mitteleuropäischen Judentums. 

Hier im revolutionären Nachkriegs-Wien erlebte der junge Kofler den Zusammenbruch der Österreich-ungarischen Doppelmonarchie und wurde selbst zum jugendbewegten, radikalen Sozialdemokraten. Im „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit mischte sich in ihm das kulturelle Erbe des aufgeklärten Judentums mit der modernen, radikalen Arbeiterbewegung und Kofler wurde ein Vertreter dessen, was der Historiker Isaac Deutscher später die „nicht-jüdischen Juden“ nennen sollte. Er bezeichnete damit jene Menschen jüdischer Herkunft, die über die jüdische Aufklärungstradition aus ihrer Religion herauswuchsen, weil sie diese als rückschrittlich und beengend erlebten und sich nun entweder in die aufstrebende bürgerliche Gesellschaft oder in deren radikale proletarische Gegengesellschaft integrierten. Als Aufklärer, strenge Rationalisten und radikale Humanisten war ihnen „etwas von der Quintessenz des jüdischen Lebens und des jüdischen Intellekts eigen. Sie waren a priori außergewöhnlich insofern, als sie als Juden an der Grenze zwischen unterschiedlichen Zivilisationen, Religionen und nationalen Kulturen gelebt haben und an der Grenze zwischen unterschiedlichen Epochen geboren und aufgewachsen sind. Ihr Denken reifte dort heran, wo die verschiedenartigsten kulturellen Einflüsse sich kreuzten und wechselseitig befruchteten. Sie lebten an den Randzonen oder in den Ritzen und Falten ihrer jeweiligen Nation. Jeder von ihnen gehörte zur Gesellschaft und doch wieder nicht, war ein Teil von ihr und wiederum nicht. Dieser Zustand hat sie befähigt, sich in ihrem Denken über ihre Gesellschaft, über ihre Nation, über ihre Zeit und Generation zu erheben, neue Horizonte geistig zu erschließen und weit in die Zukunft vorzustoßen.“ (Deutscher)

Im „Roten Wien“ der Zwischenkriegszeit sollte sich auch der jugendliche Kofler politisieren und als linkssozialdemokratischer Bildungsreferent und Volkspädagoge für die Botschaft einer universellen menschlichen Emanzipation engagieren. Er wurde zum flammenden Schüler des linkssozialistischen Austromarxisten Max Adler, engagierte sich gegen den auch in Österreich aufkommenden Faschismus und musste 1933/34 das bittere Scheitern dieser Hoffnungen miterleben. Anfang 1938, nach dem Anschluss Österreichs an das faschistische Deutsche Reich, konnte der gerademal 30-jährige Jude und Marxist in die neutrale Schweiz, nach Basel, fliehen – während der Großteil seiner Familie in Wien verblieb und später, im Holocaust, umgebracht werden sollte. Die Schrecken des Zweiten Weltkrieges überlebte Kofler deswegen in Schweizer Flüchtlings- und Arbeitslagern. Und während er als geduldeter Flüchtling unter der Woche im Straßenbau und beim Torfstechen arbeiten musste, widmete er sich abends der intellektuellen Arbeit an einem wissenschaftstheoretischen Buch, mit dem er seine politisch-theoretischen Erfahrungen auf der politischen Linken zu verarbeiten versuchte: Der Autodidakt wurde zum Gesellschaftstheoretiker.

 

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Kofler vor der Ruhr-Universität Bochum in den 1970er Jahren. Copyright: Leo Kofler-Gesellschaft e.V.

 

Die sozialistisch-marxistische Theorie und Praxis sind erneuerungsbedürftig, so Kofler in seinem ersten Buch Die Wissenschaft von der Gesellschaft. Umriss einer Methodenlehre der dialektischen Soziologie (Bern 1944). Es gelte, den bis dahin sowohl in der sozialdemokratischen wie in der kommunistischen Tradition übermächtigen Mechanismus und Determinismus, d.h. die in der marxistischen Tradition so wirkmächtige mechanische Trennung von „Überbau“ und „Basis“, zu überwinden. „Die mechanistische Deutung des historischen Materialismus übersieht“, schrieb er, „dass trotz der Bestimmtheit der Ideologie durch die Ökonomie der historische Gesamtprozess seine Bewegung nicht anders vollziehen kann als mittels der Ideologie, die eben ein wesentliches, zu seiner Gesetzlichkeit selbst gehörendes Moment dieses Prozesses darstellt (wobei es keinen Widerspruch bedeutet gleichzeitig zuzugeben, dass zahlreiche Elemente der Ideologie zufälliger, d.h. in ihrer speziellen Erscheinungsform nicht notwendiger Natur sein können).“ Es gelte also, das tätige Element, den sogenannten subjektiven Faktor für eine zeitgemäß erneuerte Theorie und Praxis der Emanzipation zurückzuerobern. Und wie andere „westliche Marxisten“ seiner Zeit (aber ohne deren Kenntnis) setzte auch Koflers Erneuerung der marxistischen Theorie und Praxis vor allem auf die philosophische Tradition eines Georg Wilhelm Friedrich Hegel und seiner Subjekt-Objekt-Dialektik – und auf den jungen Karl Marx und dessen radikalen Humanismus. Koflers dialektischem Materialismus geht es entsprechend um die Freiheit zu einer allseitigen, sowohl individuellen wie kollektiven Entfaltung der menschlichen Gattungspersönlichkeit, um die Ziel-Idee eines „schönen Menschen“, die sich durch sein gesamtes weiteres Werk ziehen wird.

In seinem zweiten Werk, einer monumentalen Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft von ihren mittelalterlichen Anfängen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, wandte er seine soziologische Methode auf die Geschichtswissenschaft an. In enger Verschränkung von Ideologie und Ökonomie schreibt er hier keine bloße Politik-, Staats- oder Sozialgeschichte, auch keine reine Wirtschafts- oder Handelsgeschichte. Auch wenn alle diese Aspekte aufgehoben sind in seinem umfangreichen Werk, so werden sie doch zusammengehalten und aufgehoben durch eine faszinierende Ideengeschichte, die wesentlich ideologiekritisch ist. Es ist die Geschichte des kritischen, ebenso aufklärerischen wie bürgerlich-kapitalistischen Geistes, die wir in seinem Buch an der historischen Arbeit sehen können. Und es geht hier vor allem darum, die immanente Widersprüchlichkeit des bürgerlichen Humanismus, seine Größe und Grenzen aufzuzeigen, denn die strukturellen Schranken dieses bürgerlichen Denkens finden sich für Kofler im elitären Besitzindividualismus, wie er an diversen Philosophen und Denkern der frühbürgerlichen Zeit aufzeigt. Bürgerliches Denken sei im 20. Jahrhundert zu einem leeren Konkurrenz-Individualismus mit einem pessimistisch-dekadenten Menschenbild verkommen, das den Menschen als ein von Natur aus sein eigenes, individuelles Interesse verfolgendes und „rastlos zwischen den ihm fremd bleibenden übrigen Individuen herumschweifendes und ständig auf Beute lauerndes, einsames Raubtier“ betrachte.

 

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Leo Kofler arbeitet Ende der 1960er Jahre an seinem Schreibtisch

 

Werde die sozialistische Arbeiterbewegung vor solchem Hintergrund gleichsam zum Erben des radikaldemokratischen, humanistischen Anspruchs, so könne man jedoch – wie der 1947 aus dem Schweizer Exil in die ostdeutsche DDR gegangene und von dort Ende 1950 nach Westdeutschland geflüchtete Kofler Mitte der 1950er Jahre feststellte – ebenso wenig die Augen davor verschließen, dass diese Arbeiterbewegung schon damals einen Gutteil ihrer Kraft und Herrlichkeit verloren hatte. In ihren sozialdemokratischen und kommunistischen Hauptströmungen habe sich die politische Arbeiterbewegung in der Mitte des 20. Jahrhunderts strukturell verbürokratisiert und entradikalisiert, wie er in mehreren Schriften zur Kritik der stalinistischen Theorie und Praxis, aber auch zum „ethischen Sozialismus“ der neuen Sozialdemokratie, zu verdeutlichen versuchte. Hätten sich die sozialistischen Freiheitsideen im real existierenden Sozialismus auf einen anti-humanistischen ökonomischen Produktivkraftfetischismus im Dienste einer neuartigen bürokratischen Herrschaftsform reduzieren lassen – strukturell undialektisch und unfähig, sich emanzipativ zu erneuern –, so sei der sozialdemokratische Sozialismus zu einer gänzlich unverbindlichen Ethik verkommen, die sich in ihrer politischen und sozialen Praxis mit der Logik des kapitalistischen Gesellschaftssystems grundlegend abfinde und alle sozialistische Theorie und Praxis aus ihren eigenen Reihen verdränge: „An die Stelle der humanistischen Bewusstseinsbildung trat der Praktizismus, an die Stelle der Theorie die Bürokratie.“

Kofler wird so zu einem frühen Propagandisten und Vordenker dessen, was in den 1960er Jahren die „Neue Linke“ genannt werden sollte. Und seine theoriegeschichtliche Originalität besteht dabei vor allem darin, dass und wie er den „westlichen Marxismus“ mit einem radikalen sozialistischen Humanismus verknüpfte. Schon 1953 betonte er „die entscheidende Bedeutung der humanistischen und ethischen Ideen“ für ein ebenso aufgeklärtes wie emanzipatives, „sozialistisch-humanistisches“ Marxismusverständnis – nicht im Sinne einer bloßen ethischen Ergänzung eines an sich „un“menschlichen Gedankensystems, sondern in dem Sinne einer Erkenntnis, dass auch ein marxistischer Sozialismus einen ethischen Gehalt aufweist, weil Forderungen nach Freiheit und Fortschritt, nach einer humanistischen Demokratie, verwirklichter Individualität und klassenloser Gesellschaft nicht ausreichend zu begründen sind ohne Menschen, die sie kraft ihres humanistischen Selbstverständnisses verwirklichen können.

Mit einem solchen Blickwinkel analysierte Kofler in seinen zahlreichen gesellschafts- und kulturwissenschaftlichen Büchern, Broschüren und Aufsätzen der 1950er und 1960er Jahre auch die Widersprüche und Fallstricke des sozialstaatlichen Nachkriegskapitalismus. Er untersuchte hier das veränderte Verhältnis von Konsens und Zwang, das diese neokapitalistischen Konsumgesellschaften prägt, und betonte, dass wir es bei ihnen auch weiterhin mit antagonistischen, von Ausbeutung, Entfremdung und Widerstand geprägten Klassengesellschaften zu tun haben. Auch wenn sich deren Herrschaftsmechanismen nachhaltig verändert und gleichsam entkrampft hätten, auch wenn sich in ihnen neue Freiheiten politischer, ökonomischer und kultureller Natur Bahn gebrochen hätten, so sei man in diesen spätbürgerlichen Gesellschaften dem frühbürgerlichen Traum eines wirklich befreiten Gattungswesen Mensch nicht nur nicht nähergekommen. Vielmehr werde jeder Versuch, über diese „spätkapitalistischen“ Verhältnisse in aufklärerischer Tradition hinauszugehen, tabuisiert und kriminalisiert. „Die Welt ist für das Bürgertum nur noch ‚nützlich’, profiterträglich, sonst ist sie leer und sinnlos geworden“, schreibt Kofler bereits 1960: „Die übrig gebliebene ‚Freiheit’ ist nicht mehr die Freiheit Ideale zu verwirklichen und den Menschen zu erhöhen – wer dies noch will, wird verdächtig! –, sondern die Freiheit der Konkurrenz, des Urwalds. Im Grunde ist alles erreicht, es hat Geschichte gegeben, aber es gibt in Zukunft keine mehr.“

Doch obwohl er sich selbst als Teil der in den 1960ern aufkommenden „Neuen Linken“ sah, so wurde er von vielen seiner neu-linken Zeitgenossen kaum als solcher wahrgenommen. Seine an Georg Lukács geschulte Ästhetik verfiel dem Dogmatismus-Verdacht und der Psychoanalyse stand er kritisch-ablehnend gegenüber – obwohl oder gerade weil er selbst sozialpsychologisch dachte und arbeitete. Auch mit der anderen intellektuellen Modeströmung jener Zeit, dem auf einen theoretischen Anti-Humanismus setzenden französischen Strukturalismus, stand er auf Kriegsfuß. Die „kulturelle Wende“ machte der auf die Dialektik von Natur und Kultur setzende und an den theoretischen Grundlagen einer marxistischen Anthropologie (die er als die „Wissenschaft von den unveränderlichen Voraussetzungen menschlicher Veränderung“ fasste) arbeitende Kofler nicht mit. Mehr noch wagte er es, die damals gerade hegemonial werdende Frankfurter Kritische Theorie scharf zu kritisieren, weil diese keine wirklichen Ausbruchsmöglichkeiten aus der Vorherrschaft von Verdinglichung und Entfremdung mehr zu erkennen vermochte und sich deren Theoriearbeit auf diesem Wege „zu einer Art nihilistischer Perspektive“ verdichte, „die nicht ohne Wirkung auf das Handeln bleibt“. Auch im Verdinglichten bleibt für Kofler kritisches Bewusstsein enthalten und damit auch die Möglichkeit humanistischer Aufklärung und Aktion. 

 

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Leo Kofler

 

So entging vielen „68ern“ die Radikalität eines als Traditionalisten verrufenen Autors, der seinen sozialistischen Humanismus in der 1968 erschienen Programmschrift über die Perspektiven des revolutionären Humanismus mit den Worten Gustav Landauers begründete: „Der Sinn der demokratisch-sozialistischen Revolution kann nur der sein, das Proletariat ein für alle Mal abzuschaffen. Es soll keine Proletarier, keine Entbehrenden mehr geben. Es soll Menschen geben, mit freier Beweglichkeit des Geistes und des Herzenslebens.“ Sein in diesem Buch niedergelegter, überaus origineller Versuch einer Vermittlung zwischen den theoriegeschichtlichen Antipoden Herbert Marcuse und Georg Lukács, seine Vermittlung zwischen marxistischem Traditionalismus und antiautoritärer Revolte also, blieb weitgehend unbeachtet, und sein ehrgeiziger Versuch einer zu den Frankfurtern alternativen Sozialphilosophie hatte keine Chance bei der jungen Intellektuellengeneration. Adorno wurde und blieb der Hegemon der Diskurse, Kofler dagegen zur Randständigkeit verurteilt.

Und doch konnte auch Kofler am Aufschwung der Emanzipationsbewegungen der 1960er und 1970er Jahre partizipieren. Junge Studierende erwirkten 1971/72, dass er als Professor für Soziologie an die noch junge Ruhr-Universität in Bochum gerufen wurde, wo er bis 1991 regelmäßige Vorlesungen hielt und eine neue Generation von jungen Intellektuellen zu beeinflussen vermochte, bevor er 1995, nach langer schwerer Krankheit in seiner Wahlheimat Köln verstarb.

Wirkliche Heimat war ihm allerdings, wie er es einmal formulierte, das, was ihm geistig und menschlich weitergeholfen hat – und dabei sollte er bis an sein Lebensende weniger an Deutschland oder an seine Kindheit in Ostgalizien denken, sondern vor allem an das Wien der Zwischenkriegszeit, an das „rote Wien“ seiner Jugend. „Was mich betrifft“, so Kofler 1991, „so habe ich das Glück, kein Deutscher, sondern ein Österreicher zu sein“. Er warnte damals, als sich West- und Ostdeutschland gerade wiedervereinigten, explizit vor einem „gefräßigen Sichaufblähen der BRD auf Kosten anderer Länder“. Noch Jahre zuvor hatte er den Deutschen – wie anderen Nationen auch – in der alten Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung ein Recht auf nationale Selbstbestimmung und Wiedervereinigung zugestanden, aber betont, dass solch ein Recht auf nationale Selbstbestimmung an eine soziale und humanistische Ziel-Idee gebunden sei. Nationales Denken verpflichte keineswegs zu chauvinistischem Nationalismus und antilinker Überheblichkeit, sondern zu sozialen und gesellschaftlichen Reformen, zu einer erst noch zu erringenden humanistischen Kultur. 

Da war es wieder, das Verbindende und Konstante seines Lebens und Werkes: seine ebenso praktische wie theoretische Hingabe an das Projekt einer universellen menschlichen Emanzipation. Zeitlebens hielt er fest an der konkreten Utopie einer umfassenden Entfaltung des menschlichen Wesens als eines zur Emanzipation gleichermaßen befähigten wie verdammten, tätig-leidenden Gattungswesens. Und nie wurde er müde, den „ganzen Menschen“ und die Idee eines „spielenden“, eines „schönen“, eines im weitesten Sinne des Wortes „erotischen“ Menschen zu propagieren. Das brachte ihn immer wieder in Gegensatz zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, deren strukturelle Ideallosigkeit er treffend zu analysieren wusste (so gehörte er noch in den 1980ern zu den Ersten, die den Sozialdarwinismus des aufkommenden Neoliberalismus in scharfen Worten kritisierte). Das Festhalten an einem sozialistischen Humanismus sollte ihn aber auch immer wieder in Gegensatz zu vielen linken Strömungen bringen, die nicht selten aus der Not eine Tugend machen und auf ihrem Wege Beschädigungen vielfacher Art billigend in Kauf nehmen. 

Und Ostgalizien? Die in der heutigen Westukraine gelegene Heimat seiner Kindheit hat Kofler, der dort auch in den 1920er und 1930ern noch zu ausgiebigen Familienbesuchen weilte, nach Faschismus und Krieg nicht mehr besucht. Doch vergessen haben die nach seinem Tod in einer Leo Kofler-Gesellschaft sich zusammenfindenden Freund*innen und Schüler*innen Koflers Ursprünge nicht. Ende Februar 2022 veröffentlichten sie auf Facebook eine Erklärung zum russischen Krieg gegen die Ukraine: „Seit einer Woche wird die Ukraine mit Krieg aus dem Osten überzogen. Im Westen der Ukraine liegt heute auch jenes (einstmals ostgalizische) Gebiet, in dem Leo Kofler 1907 geboren wurde, aus dem er 1915/16, kriegsbedingt, fliehen musste. Und wieder geht es dabei nicht um eine vermeintlich ewige menschliche Neigung zur Aggression, sondern um die Instrumentalisierung derselben für gesellschaftliche, für gesellschaftspolitische Zwecke. Schande über die Aggressoren – möge die Macht mit den Opfern sein!“

Autor: Christoph Jünke

Übersetzung: Olena Slobodyan

Redigieren: Stanislav Sergienko

Titelbild: Kateryna Gritseva

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